Hexenturm Osnabrück Stadtgeschichte Wehranlagen
Wehranlagen und der „Hexenturm“
27. Oktober 2008 | 10:49Das mittelalterliche Osnabrück entwächst der Domburg.
Um die Entwicklung des historischen Stadtkerns der Stadt Osnabrück besser zu verstehen, lohnt sich ein Gang von der Keimzelle der Stadt, der Domburg, in Richtung der Hase. Durch die Schwedenstraße gelangt man auf historischen Pfaden zum Nikolaiort. Der Bereich rund um die Schwedenstraße wird heute als die erste „Ausbaustufe“ der Stadt Osnabrück angesehen, jenseits des eigentlichen Dombezirks.
„Der Nikolaiort hat seinen Namen von der Nikolaikapelle, die dort als Torkapelle belegt ist,“ erklärt Bodo Zehm, Leiter der Stadt- und Kreisarchäologie. Viel sei von den ersten Befestigungsanlagen allerdings nicht mehr übrig geblieben. „Spätere Befestigungen und die städtebaulichen Erweiterungen haben uns nicht viel zum Ausgraben gelassen.“
Eine der wenigen Stellen, an denen sich noch bis in unsere Zeit Reste erhalten hatten, war der Bereich an der Herrenteichstraße, wo heute eine runde Vitrine an den ältesten Stadtturm erinnert, der die damalige Stadt schützte. Im Bereich des gerade neu entstehenden L+T-Parkhauses lagen bis in das 14. Jahrhundert hinein künstlich angelegte Teiche, die den Domherren auf der einen Seite zur Fischzucht dienten und auf der anderen Seite ein Mühlsystem in Gang setzten. Interessant ist besonders, dass die Archäologen heute davon ausgehen, das dieses Teichsystem nicht von der Hase gespeist wurden. In früherer Zeit hielten Gelehrte wie zum Beispiel Justus Möser den „Poggenbach” für den Zulauf der Herrenteiche. „Davon gehen wir heute nicht mehr aus,“ betont Zehm. Eine Erklärung, woher das Wasser kam, haben die Archäologen aber noch nicht.
Mit dem Bau der befestigten Wehranlagen der Stadt war im späten 12. Jahrhundert begonnen worden, nachdem Kaiser Friedrich I. Barbarossa 1157 Osnabrück besucht hatte und der Stadt im Jahre 1171 das Privileg der eigenen Gerichtsbarkeit verlieh. In den sumpfigen Haseniederungen war ein sechs bis acht Meter breiter Wall aufgeschüttet worden, der nach außen hin noch durch eine Stadtmauer geschützt wurde. Dazu gab es ein System aus Stadttürmen entlang der Mauer. Die Reste des ehemaligen Kümpersturms konnten die Archäologen 1990 beim Bau der ersten L+T-Tiefgarage untersuchen. Dieser älteste Stadtturm in der Stadtbefestigung wurde auf das Jahr 1200/01 datiert. Sein Fundament aus Holz hatte die Form eines überdimensionalen Wagenrades. Nach der Sicherung der Funde mussten die Fundamente der neuen Tiefgarage weichen. Die Toranlage an den Herrenteichen war eine der wichtigsten Einfallstraßen in die mittelalterliche Stadt. Straßenverbindungen wie der Berliner Platz entstanden erst viel später. Der nächste Zugang zur Stadt befand sich erst im Bereich der Neuen Mühle. „Wie genau das Tor ausgesehen hat, wissen wir nicht,“ bedauert Ellinor Fischer von der Stadt- und Kreisarchäologie.
Sehr viel später gelangte der Kümpersturm dann zu eher trauriger Berühmtheit. Wie viele andere Wehrtürme mittelalterlicher Stadtbefestigungen wurde auch der Kümpersturm im 16. und 17. Jahrhundert zum Gefängnis. Seinen Namen bekam der auch als „Hexenturm“ bekannte Bau nach dem damaligen Bürgermeister Kümper. Dieser war ein besonders fanatischer Hexenverfolger. Der Kümpersturm war in der Zeit von 1580 bis 1680 Schauplatz grausamer Folter im Rahmen der Hexenverfolgung. Viele Frauen fanden von dort kommend in der nahen Hase bei der so genannten „Hexenprobe“ den Tod. Die Beschuldigte wurde an Händen und Füßen gefesselt in die Hase gelassen. Überlebte sie, weil sie an der Wasseroberfläche schwamm, war sie eine Hexe und wurde zum Tode verurteilt. Ertrank sie jedoch, war sie unschuldig - aber dennoch tot.
Wer sich weitergehend mit der Geschichte der Stadt Osnabrück beschäftigen möchte, kann das mit Hilfe einer Faltblattsammlung tun, die die Stadt- und Kreisarchäologie anläßlich des Tags des offenen Dankmals veröffentlicht hat. Anhand von sechs Stationen wird die Entwicklung Osnabrücks von der missionarischen Gründung bis zur mittelalterlichen Stadt erklärt. Die Broschüre ist für zwei Euro im Museumsshop am Kulturgeschichtlichen Musem, der Tourismus Information und im Forum am Dom erhältlich. R.S.
Zeugnisse aus dem Hochmittelalter: Im Bereich der Schwedenstraße fanden die Archäologen unter anderem diese Schachfigur (l.) und Sporen (r.). Fotos: privat

